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the internment camp 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Max Pretzfelder (D)
On-line gesetzt am 16. September 2012
zuletzt geändert am 21. September 2016

von Gérard
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Seit der letzten Aktualisierung der Gefangenendaten wissen wir etwas mehr über Max Pretzfelder. Er wurde am 07.03.1888 in Nürnberg geboren und war zum Zeitpunkt des Kriegsausbruchs in Paris. Vorher soll er in München, Karlsruhe, Berlin und Florenz gelebt haben. Als Beruf ist Künstler Maler angegeben.

Seine Festnahme erfolgte drei Tage nachdem Deutschland Frankreich den Krieg erklärt hatte. Über Lanvéoc kam er auf die Île Longue und musste dort bis nach Kriegsende verbleiben. Es ist daher gut zu verstehen, dass er Ende August 1919 aus dem Lager flüchtete und versuchte sich nach Spanien abzusetzen. Kurz vor der spanischen Grenze wurde er allerdings wieder aufgegriffen und zu 30 Tagen Gefängnis in Garaison, einem Familieninternierungslager in den Pyrenäen, verurteilt. Soviel kann man also aus den Gefangenakten entnehmen.

Aber wer war der Mann wirklich und lässt sich etwas über seine Herkunft und sein weiteres Leben herausfinden. Heute bietet das Internet dazu eine gute Gelegenheit.
Pretzfeld ist ein kleiner Marktflecken in Oberfranken vielleicht 50 km nördlich von Nürnberg, der auch auf eine lange jüdische Geschichte zurückblicken kann. Der Name Pretzfelder könnte hier seinen Ursprung haben.

Heute scheint es in Deutschland niemanden mehr dieses Namens zu geben. Aber auch die Internetsuche nach Personen mit diesem Namen liefert nur sehr wenige Ergebnisse – nur weniger als eine Handvoll unterschiedlicher Personen mit diesem Namen lassen sich ausmachen, darunter 3 – vielleicht sind es auch 4 – mit dem Vornamen Max.

Der erste ‚Max Pretzfelder’ wurde schon 1866 in Burgkunstadt geboren und war Dr. med. Er ist 1943 in Theresienstadt ermordet worden.

Der zweite ‚Max Pretzfelder’ ist auch in Burgkunstadt geboren, aber 1878. Nach der im Übrigen als Opfer des Holocaust relativ gut nachvollziehbaren Lebensgeschichte kann auch er nicht unser Mann sein.

Über den dritten ‚Max’ ist erst mal nicht viel zu erfahren, außer das in diversen Auktionen Zeichnungen und Buchillustrationen von im aus den Jahren zwischen etwa 1910 und 1930 auftauchen, davon einige Zeichnungen aus Berlin und Karlsruhe. Ein weiterer ‚Max’ – vielleicht ist es aber auch derselbe – taucht zwischen 1925 und 1944 als Kostümbildner (und einmal als Schauspieler in einer Nebenrolle) für verschiedene Filme auf, darunter auch die erste Verfilmung der Dreigroschenoper.

Dann führt ein Link zu einem interessanten Dokument : In einem Matrikelbuch der Akademie der Bildenden Künste München aus der Zeit von 1884 bis 1920 findet sich für den 27.10.1906 der Eintrag eines Max Pretzfelder, 18 Jahre alt, geboren in Nürnberg, der bei Prof. Peter von Halm das Zeichnen studieren will. Als Beruf des Vaters ist Kaufmann angegeben und als Konfession ‚freireligiös’. Das angegebene Alter würde als Geburtsjahr 1888 ergeben und könnte also passen.

Und es findet sich noch ein weiteres spannendes Dokument: Die Goethe Universität, Frankfurt am Main, hat in ihrer Judaica-Sammlung für die Jahre 1901 bis 1923 Faksimile der Zeitschrift ‚Ost und West’, Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. In Heft 2 (Februar) von 1912 wird den Lesern auf den Seiten 153/154 ff. in einem Artikel der junge Künstler‚Max Pretzfelder’ mit einigen Radierungen vorgestellt. Im Text heißt es: „Max Pretzfelder, ein geborener Nürnberger, der augenblicklich zum Studium in Paris weilt, erweist sich in seinen graphischen Arbeiten als ein feiner Beobachter der Natur, dem das bescheidenste Winkelchen, das einfachste Haus und der kleinste Baum genügend sagt, um in einem Bildchen in poetischem Schein verklärt zu werden“. Der erste Teil des Kreises scheint geschlossen!

Geht man davon aus, dass der junge Zeichner und der Kostümbildner ein und dieselbe Person sind, muss man die Suche an anderer Stelle fortsetzen. Schaut man sich die Filmografie des ‚Max Pretzfelder’ an, fällt sofort eins ins Auge: Alle Filme von 1925 bis 1933 – im ersten wirkt er als Darsteller mit, in den übrigen ist er für die Kostüme verantwortlich – sind unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst gedreht. Auch Georg Wilhelm Pabst finden wir in der Lagerkartei der Île Longue. Der drei Jahre ältere Österreicher war auf der ‚Nieuw Amsterdam’ und wurde vor Pretzfelder aus der Internierung entlassen.

Pabst war 1933 von Frankreich nach Hollywood gegangen und so liegt es nahe auch Pretzfelder in Amerika zu suchen, zumal es 1944 noch einen Hollywood Film gibt, an dem Pretzfelder als Kostümbildner beteiligt war.

In Amerika nach Personen zu suchen ist etwas einfacher als in Deutschland. In Amerika gibt es viele zentrale Erfassungsstellen, deren Daten mehr oder weniger zugänglich sind.

In den ‚U.S. Naturalization Records - Original Documents, 1795-1972’ findet sich mit dem Datum vom 21.12.1935 der Antrag eines ‚Max Pretzfelder’, geboren am 07.03.1888 in Deutschland und ein zweites Dokument vom 14.02.1941, das möglicherweise die Einbürgerung bestätigt. (Die Dokumente sind nur über eine zugangsgeschützte Seite zugänglich und können daher nicht verlinkt werden)

Eine andere Anlaufstelle sind die alle 10 Jahre aufgestellten Censuslisten. Und tatsächlich findet sich in der Censusliste von 1940 ein Eintrag zu einem unverheirateten in Deutschland geborenen ‚Max Pretzfelder’, 52 Jahre alt, in 604 Wilshire Street, Santa Monica, Los Angeles, California wohnend. Allerdings soll er Inhaber eines Geschirrladens gewesen sein. Heute ist an dieser Stelle ein Büro-/Apartmenthaus und gleich nebenan ein McDonalds.

Aus dem Jahr 1942 existiert eine ‚Registration Card’ (Erfassungskarte) für einen ‚Max Pretzfelder’, geboren am 07.03.1988, wohnhaft in Santa Monica, Los Ange-les, California.
Und im ‚Death Index, 1940-1997’findet sich mit dem Datum vom 09.06.1950 ein Eintrag für einen ‚Max Pretzfelder’, geboren am 07.03.1988 in ‚einem anderen Land’. Für den Vater ist der Name Pretzfelder angegeben, für die Mutter der Name ‚Lureir’, eine möglicherweise falsche Übertragung des Namen ‚Lauer’, wie er in den Gefangenendaten der Île Longue zu finden ist. Der Kreis ist geschlossen.

Halt! Eine neue Frage taucht noch auf. Von wem sind eigentlich die Zeichnungen des Lagers auf der Île Longue. Gekennzeichnet sind sie mit ‚Insel Druckerei’, aber sie erinnern stark an Zeichnungen Pretzfelders.

Filmografie

1925 Die freudlose Gasse (Darsteller)
1930/1931 L’opera de quat’sous (Kostüme)
1930/1931 Die 3-Groschen-Oper (Kostüme)
1932 Die Herrin von Atlantis (Kostüme)
1932 L’Atlantide (Kostüme)
1932 The Mistress of Atlantis (Kostüme)
1932/1933 Don Quichotte (Kostüme)
1932/1933 Don Quixote (Kostüme)
1933 Du haut en bas (Kostüme)
1944 Summer Storm (Kostüme)

Die Filme von 1925 bis 1933 wurden unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst gedreht; der Film von 1944 unter der Regie von Douglas Sirk.

Eines seiner liebenswertesten Werke: die hübsche und zugleich eindrucksvolle Eule, die den Einband einer Broschüre über das Schul- und Bildungswesen im Lager ziert.
Weitere Spuren in Die Insel-Woche:

Eule, Symbol der Weisheit / Chouette, symbole de la sagesse / Owl, symbol of wisdom
Titelblatt der Broschüre “Unterricht im Lager”, Lithographie von Max Pretzfelder /
La couverture de la brochure “leçons dans le camp”, Lithographie par Max Pretzfelder /
The cover of the brochure “lessons in the camp”, lithograph by Max Pretzfelder

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