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le camp d'internement 1914-1919
Le camp d’internés 1914-1919

Dieser Internet-Auftritt verfolgt das Ziel, möglichst viele Informationen über das Internierungslager auf der Ile Longue zusammenzustellen, damit Historiker und Nachkommen der Internierten sich ein Bild von den Realitäten dieses bisher wenig bekannten Lagers machen können - nicht zuletzt auch, um die bedeutenden kulturellen Leistungen der Lagerinsassen zu würdigen.

Le but de ce site est de prendre contact avec les familles des prisonniers allemands, autrichiens, hongrois, ottomans, alsaciens-lorrains... qui ont été internés, pendant la Première Guerre mondiale, dans le camp de l’Ile Longue (Finistère).

Johannes Jäger, Pastor

Der nachfolgende Artikel wurde in der Nummer 28 der Zeitschrift Avel Gornog vom August 2019 in französischer Sprache veröffentlicht. Die Veröffentlichung hier erfolgt mit der freundlichen Genehmigung des Autors, der auch die Übersetzung in die deutsche Sprache besorgte.

On-line gesetzt am 3. März 2020

von Christophe

Von Le Fret nach Crozon:
Der „Kreuzweg“ des Pastors Johannes Jäger
(September 1914)

Portrait Johannes Jäger (1850 – 1925)
um 1900
Quelle: Gerrit Jan Beuker, Gemeinde unter dem Kreuz, S. 85)

Pastor Jäger und die Halbinsel von Crozon

Ein Artikel in der bretonischen Zeitschrift Avel Gornog zum Thema eines deutschen Pastors? Was macht diesen Mann Gottes für uns interessant, oder, besser, warum könnte sich der Avel-Gornog–Leser für eine Episode aus dem Leben des Pastors interessieren? Grund dafür ist, dass besagter Pastor, Johannes Jäger, sich auf der Halbinsel aufgehalten hat und dies im thematischen Rahmen des ersten Weltkrieges, oder, genauer gesagt, im Zusammenhang mit der am 2. September 1914 geschehenen Aufbringung des holländischen Passagierdampfers Nieuw Amsterdam, der am 25. August 1914 mit dem Zielhafen Rotterdam in New York aufgebrochen war. [1]

Die erzwungene Umleitung dieses unter neutraler Flagge fahrenden Passagierdampfers in den Hafen von Brest ist ein Kriegsereignis, das die Halbinsel von Crozon direkt betrifft. In der Tat: alle männlichen Fahrgäste im Alter von 16 bis 60 Jahren, die aus den sog. „Mittelmächten“ (Deutschland, Österreich, Ungarn, Türkei) stammten – ca. 750 Männer – wurden zunächst im Fort von Crozon, später im Internierungslagerlager auf Île Longue festgesetzt. Unter diesen Männern befanden sich Künstler, Intellektuelle, Musiker, Wissenschaftler usw. die, zusammen mit vielen anderen, später hinzugekommenen Internierten, dieses Lager zu einem Ort machen sollten, an dem sich die deutsche Kultur zu großer Blüte entfalten konnte.

Passagierdampfer Nieuw Amsterdam
Quelle: Photographie de presse de l’Agence Rol ― Gallica – Bibliothèque nationale de France

Auch Pastor Jäger, selbst Passagier auf der Nieuw Amsterdam, wurde wie seine Landsleute, festgenommen und auf die Halbinsel von Crozon verbracht. Anders als seine Leidensgenossen jedoch blieb er dort nur zwei Tage, bevor er wieder befreit wurde. Tatsächlich erhielt er die Erlaubnis, auf der Nieuw Amsterdam die Reise nach Rotterdam zu vollenden, um von dort aus in die Heimat zurückzukehren. Aber Pastor Jäger interessiert uns nicht nur wegen dieser außerordentlichen Fügung, sondern vor allem auch wegen seines Erinnerungsbuches „Meine Amerika-Reise“, in dem er detailgetreu von der Aufbringung der Nieuw Amsterdam, der Festnahme der Passagiere und deren Überführung zur Halbinsel von Crozon berichtet. Abgesehen von diesen erhellenden Informationen ist der Bericht aber gerade auch wegen der ungewöhnlichen Perspektive seines Verfassers bemerkenswert. Die Art und Weise, wie er die erzählten Vorkommnisse wahrnimmt und erlebt, ist nämlich von seiner ausgeprägten Religiosität bestimmt, die seine Zugehörigkeit zur Evangelisch- altreformierten Kirche reflektiert. Es erscheint uns daher sinnvoll, mit einer kurzen Vorstellung dieser Religionsgemeinschaft zu beginnen und dabei auf die Stellung einzugehen, die Pastor Jäger in ihr bekleidet.

Altreformierte Kirche in Emden
um 1859 bis 1941
Quelle: G. J. Beuker, a.a.O. S. 2

Danach wird es um die Amerika-Reise des Pastors gehen, eine Reise, die ihn unfreiwillig an die Spitze der Bretagne und auf die Halbinsel von Crozon führt. Dort, genauer gesagt, während des Fußmarsches vom Hafen Le Fret bis zum Fort von Crozon, ist es nämlich, dass er so etwas wie einen „Kreuzweg“ erlebt. Im Mittelpunkt dieser Betrachtung wird also der autobiographische Bericht von diesem Fußmarsch und von der im Kerker des Forts von Crozon verbrachten Nacht stehen.

Wir haben das Glück, über mehrere authentische Quellen zu verfügen, nämlich verschiedene historische Texte bezüglich der Evangelisch-altreformierten Kirche, die Pastor Gerrit Jan Beuker in Emden uns freundlicherweise zukommen ließ; einen von Pastor Jäger selbst verfassten Lebenslauf, einen autobiographischen Bericht seiner Amerika-Reise sowie den Text eines amerikanischen Journalisten unter dem vielsagenden Titel Johannes Jäger, der Prophet besucht Iowa, aber auch zwei, nach dem Kriege im Selbstverlag veröffentlichte Predigten Jägers.

Was nun die Beschreibung des Fußmarsches von Le Fret nach Crozon und die im Fort verbrachte Nacht betrifft, stehen uns, neben dem autobiographischen Bericht Meine Amerika-Reise auch die Darstellung eines ehemaligen Gefangenen des Internierungslagers Ile Longue, Hermann von Bötticher, in dessen (literarischem) Erinnerungsbuch Meine Erlebnisse in Freiheit und Gefangenschaft [2] zur Verfügung. Dank dieser Quellen brauchen wir kaum eigene Nachforschungen anzustellen. Es wird großenteils genügen zu übersetzen und brauchen nur dann und wann einen Kommentar einzufügen.

Pastor Jäger und die Evangelisch-altreformierte Kirche

Pastor Johannes Jägers Persönlichkeit ist untrennbar mit seiner Zugehörigkeit zu einem Zweig der Reformierten Kirche verbunden, die den Namen Evangelisch-altreformierte Kirche trägt; wobei „alt“ hier die Bedeutung von „ursprünglich“ hat und die Treue zur streng kalvinistischen Lehre der Reformierten Kirche in ihrer Anfangszeit zum Ausdruck bringt. Dieser Zweig, der im äußersten Nordwesten Deutschlands (Ostfriesland) und dem angrenzenden Teil der Niederlande zu Hause ist, hat sich Mitte des 19. Jahrhunderts von der herkömmlichen Reformierten Kirche abgespalten, als ihre führenden Vertreter die Richtung der Mutterkirche als zu „liberal“ empfanden.

Die Neue Kirche
(um 1955)
Quelle: G. J. Beuker, a.a.O. S. 2

Johannes Jäger (1850 -1925) ist nicht nur Pastor der Evangelisch-altreformierten Kirche, sondern übt auch das sehr einflussreiche Amt eines Professors der Theologie aus, dem die Ausbildung der zukünftigen Pastoren obliegt. Dementsprechend genießt er hohes Ansehen bei seinen Glaubensgenossen.

In seiner Funktion als hoch angesehener Theologieprofessor unternimmt er in Begleitung seines sechzehnjährigen Sohnes auch eine Besuchsreise zu seinen in die Vereinigten Staaten (vor allem nach Iowa) ausgewanderten friesischen Glaubensbrüdern. Auf der Heimreise von dieser Amerika-Unternehmung geschieht es, dass er in französische Gefangenschaft gerät.

Die Amerika-Reise

Johannes Jäger mit Sohn und Haushälterin
um 1920
Quelle: G. J. Beuker, a.a.O. S. 88

In den theologischen, historischen und autobiographischen Schriften, die uns vorliegen, erscheint Pastor Jäger als überzeugter Vertreter seiner Kirche, als ein Beispiel apostolischen Glaubens und christlicher Festigkeit, getragen von unerschütterlichem Glauben. Es ist höchst beeindruckend, dass er in einer wirklichen, engen und permanenten Partnerschaft mit seinem Gott zu leben scheint.

Sehr kennzeichnend ist beispielsweise der Anfang des Berichts von seiner Amerika-Reise, einem Text, der nicht nur in großer Ausführlichkeit alle Reiseerlebnisse – die glücklichen wie die unglücklichen – berichtet, sondern außerdem die Permanenz seiner Beziehung zu Gott zur Darstellung bringt.

Hier der Anfang dieses Reiseberichts:

Passagierdampfer Vaterland
Quelle: German Federal Archive (Deutsches Bundesarchiv)

Als ich im vorigen Monat von meiner Amerikareise wieder in Emden anlangte, war mein Herz voll des Lobes und Dankes gegen Gott, und immer wieder tönten die Worte Davids durch meine Seele Psalm 103, 1. 2: „Lobe den Herrn meine Seele, und alles was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes [getan] hat.“

Und wenn ich nun von mehreren Seiten aufgefordert bin, im Grenzboten [3] einige Mitteilungen zu machen über diese Amerikareise und ich dies hiermit auch gerne tue, so tue ich’s doch nur zu dem Zwecke, dass der Name des Herrn dadurch gepriesen werde. Der Herr wolle zu dem Ende meine Erzählung segnen!

Am Donnerstag, den 25. Juni des Mittags 12 Uhr 44 Min, stiegen mein Sohn und ich hier in Emden ein in den Zug, der uns nach Hamburg bringen sollte. Gegen 5 Uhr kamen wir in Hamburg an.

Am Sonnabend, 27. Juni 1914, gehen Vater und Sohn Jäger also in Hamburg an Bord des deutschen Passagierdampfers Vaterland, dem „größten Schiff der Welt“. In seinem Buch „Meine Amerika-Reise“ beschreibt Jäger, wie die Passagiere, je nach ihrer Zuordnung zu einer Schiffsklasse (I, II, III) an Bord gehen; eine Beschreibung, der er den folgenden, für seine Wahrnehmungsweise typischen Kommentar folgen lässt:

Prof. Jäger mit 3 unbekannten Studenten
um 1885
Quelle G. J. Beuker, a.a.O. S. 89

Um ½ 1 Uhr waren bereits alle, die mitfahren wollten, an Bord. Und sollte jemand von diesen bis ½ 1 Uhr nicht da gewesen sein, so ist er eben zu spät gekommen und hat die rechte Stunde versäumt. Denn gleich nach ½ 1 Uhr wurde der Zugang zum Schiff weggenommen und die Schiffstür geschlossen. Ob jemand zu spät gekommen ist, weiß ich nicht. Aber es gibt ein Zuspät für das Himmelreich. Die fünf törichten Jungfrauen in Matth. 25 kamen zu spät, denn die Türe ward verschlossen, ehe sie ankamen. Darum hieß es zu ihnen: „Wahrlich, ich sage euch: Ich kenne euch nicht.“ Dass niemand von meinen Lesern da sei, der die rechte Gnadenzeit versäume und zu spät komme!

Rückreise

In einem Artikel der historischen Zeitschrift „Origins“, der im Jahre 1995 unter dem Titel Johannes Jäger: der Prophet zu Besuch in Iowa von der Reformierten Kirche Amerikas (Christian Reformed Church) veröffentlicht wurde, beschreibt der amerikanische, kalvinistische Historiker Herbert Brinks die Umstände, unter denen Johannes Jäger beschließt, die Heimreise nach Deutschland anzutreten; ebenso gibt er einen kurzen Bericht von der Aufbringung der Nieuw Amsterdam und den darauf folgenden Vorkommnissen. Brinks schreibt:

„Leider wurden seine Pläne für eine lange Reise durch das ganze Gebiet jäh durchkreuzt. Der Erste Weltkrieg zwischen Deutschland, Frankreich und England brach aus. Jäger versuchte umgehend, nach Hause zu kommen, bevor es dafür keine Möglichkeit mehr gab. Er eilte nach New York, wo er sich um eine Überfahrt nach Deutschland bemühte. Deutsche Schiffe unterlagen in Europa schon einer Blockade. Jäger konnte keine direkte Verbindung mehr finden. Deswegen buchte er zusammen mit 900 anderen Deutschen eine Passage auf einem neutralen niederländischen Schiff. Als sie an Bord gingen, so berichtet Jäger, sangen seine Landsleute patriotische deutsche Lieder. Jäger fürchtete, daß englische und französische Seeleute, die auch im Hafen waren, in ihre Heimat telegraphieren und das niederländische Schiff mit den vielen Deutschen an Bord verraten würden.

Die Furcht war offensichtlich unbegründet. Aber als das Schiff nach einer sicheren Ozeanüberquerung die englische Kanalblockade erreichte, wurde die Ladung von französischen Offizieren inspiziert. Sie entdeckten dass die meisten Passagiere Deutsche waren. (Nur ein Viertel von den 1200 Mitreisenden waren Niederländer oder Engländer.) Die Franzosen beorderten das Schiff in den Hafen von Brest. Niederländische und englische Passagiere blieben auf dem Schiff. Die Deutschen wurde in einem Tagesmarsch in ein Kirchengebäude gebracht, das als Auffanglager diente. Unterwegs brach der 64-jährige Jäger zusammen. Er wurde auf einer Bahre weitertransportiert.“

Die Aufbringung der Nieuw Amsterdam

Theologiestudenten in Emden, 1912
Sitzend, zweiter von links: Johannes Jäger, Sohn; dieser begleitet seinen Vater auf der Amerika-Reise
Quelle G. J. Beuker, a.a.O., S. 32

An dieser Stelle, an der, mit der Aufbringung der Nieuw Amsterdam durch die französische Marine seine Gefangenschaft beginnt, soll Johannes Jäger wieder zu Wort kommen. In seinem Buch Meine Amerika-Reise berichtet er ausführlich von den Vorkommnissen.

„Als wir am 2. September des morgens früh bereits in den englischen Kanal eingefahren waren, kam ein französisches Kriegsschiff in Sicht, nämlich der Hülfskreuzer Savoy. Er gab einen Schuss ab als Zeichen, dass unser Schiff halten sollte. Sofort stand unser Schiff. Als das französische Schiff heran gekommen war, bestiegen ein französischer Officier und mehrere französische Soldaten unser Schiff. Gleich wurden alle Passagiere unsers Schiffes geweckt und schon um 6 Uhr morgens mussten alte Insassen an Deck der 1. Klasse kommen und ihre Papiere vorzeigen. Nach dem der französische Officier einige Papiere gesehen, konnten wir wieder gehen, ohne dass uns etwas Näheres darüber gesagt wurde, was nun mit uns Deutschen und dem Schiff geschehen sollte. Um 11 Uhr vormittags hieß es: Alle Ladung und Bagage des Schiffes ist unter französisches Siegel gelegt, und dass Schiff mit Ladung und allen Passagieren soll nach der Festung Brest gebracht werden. Und um 12 Uhr bestiegen noch mehrere französische Officiere und Soldaten unser Schiff. Französische Officiere und nicht mehr der Capitain hatten nun das Kommando auf dem Schiff. Sie brachten es nach Brest. Um ½ 11 Uhr abends kamen wir in Brest an. Neben der holländischen Flagge wurde nun auch die französische gehisst.

Am andern Morgen, dem 3. September, kamen französische Kähne und Böte an unser Schiff heran, um ihm alle Frachtgüter, wie Getreide, Mehl, Kohlen usw. zu entnehmen und in die Stadt Brest zu bringen. Wir Passagiere mussten um 8 Uhr vormittags auf Deck erster Klasse antreten und unsere Papiere bereit halten, sie auf Verlangen vorzuzeigen. Und nun stand man auf Deck erster Klasse von 8-12 Uhr, und wiederum von 2-4 Uhr nachmittags, und noch hatte man unsere Papiere nicht gesehen. Um 4Uhr wurde durch Stewards bekannt gemacht: Alle Holländer und Engländer und Franzosen können .auf dem Schiff bleiben und nach Rotterdam befördert werden ; aber alle männliche Deutschen, Osterreicher und Ungarn müssen sich fertig machen, ihr Handgepäck nehmen, das Schiff verlassen und in Gefangenschaft gehen.

Ich bat den Obersteward mich zum französischen Officier zuzulassen, um ihm meine Papiere zu zeigen und ihn zu bitten, mich und meinen Sohn auf dem Schiff’ zu lassen, da ich doch schon 64 Jahre alt sei und mein Sohn erst 16 Jahre. Aber er wollte mich nicht zulassen. Ich bat ihn dringend zum zweiten Male. Aber es half alles nichts jedes Mal, so oft ich vor der Türe stand, um zum Officier gehen zu dürfen, schloss er die Türe vor mir zu. Über die Stewards auf diesem Schilfe war allgemeine Klage. Als ich nicht zum Officier zugelassen wurde, wollte ich es erst wagen, gestützt auf mein Alter doch auf dem Schiffe zu bleiben. Mehrere Passagiere meinten auch ich solle nur auf dem Schiff bleiben und nicht mit in die Gefangenschaft gehen. Auch mein Sohn bat mich zu bleiben; er wolle allein ohne mich in die Gefangenschaft gehen. Erst wollte ich das auch wohl. Als ich dann die Sache näher bedachte, sagte ich mir: Erstens ist es Befehl, dass alle Deutschen, ob jung oder alt, vom Schiff gehen und in die Gefangenschaft gehen sollen. Wenn das Schiff vom Militär untersucht worden sollte, und das wird sehr wahrscheinlich geschehen, könntest du erst recht in Gefahr kommen, erschossen zu werden. oder in eine noch strengere Gefangenschaft zu kommen, als es jetzt der Fall ist. Und zweitens, wenn du nicht mitgehst und dein Sohn geht allein hin, so wird dein Sohn nicht mehr zurückkommen, sie werden ihn sicher behalten. Wenn du aber mitgehst, so ist vielleicht noch Hoffnung da, dass wenn sie dich entlassen, sie auch deinen Sohn frei gehen lassen: denn du kannst, noch für ihn reden und sein Alter beweisen. (So wie ich gedacht, ist es auch gekommen). Aus diesem Grunde entschloss ich mich, dem Befehle getreu zu folgen und in die Gefangenschaft zu gehen. Gott hat Mittel und Wege genug, sagte ich mir, um dich wieder los zu machen.

Le Fret
Ansicht zu Beginn des 20. Jahrhundert
Postkarte

Um 6 Uhr Abends kamen mehrere große flache Böten (Pontons) an unser Schiff heran, und nun hieß es: Alle Deutschen, Osterreicher und Ungarn müssen ihr Handgepäck nehmen, das Schiff verlassen, in die Böte einsteigen und in die Gefangenschaft gehen. Etwa 750 Männer mussten das Schiff verlassen und in Böte hinuntersteigen. Beim Besteigen der Böte wurden alle Taschen untersucht, ob man auch eine Pistole, ein Messer oder sonst etwas bei sich hatte. Alle Taschenmesser, Stöcke, Schirme wurden einem abgenommen. Auf den Böten war keine Sitzgelegenheit, alle mussten stehen, auch während der Fahrt. Mir bot man noch einen Sitz in einer Ecke auf einem Haufen Tau an. Als alles eingestiegen, wurden wir durch ein kleines Dampfschiff eine Stunde weit weggefahren an die Küste einer kleinen Insel. Auf dieser kleinen Insel oder Halbinsel lag das Fort Crasson. Als wir ans Land getreten waren, mussten wir das Reisegepäck hinsetzen [und] in Reih und Glied treten, um noch einen zweistündigen Marsch zu machen nach der Festung Crasson, wo wir gefangen sitzen sollten.

Gleich nachdem wir angetreten waren, wurde bekannt gemacht, dass jeder, der auch nur im geringsten den Gehorsam verweigere oder ohne Erlaubnis bei Seite trete, sofort erschossen werden solle. Kaum eine Viertelstunde später wurde von uns auch einer erschossen. Es soll ein Pole gewesen sein. Es wurde gesagt, er habe sein Gepäck hinsetzen sollen, habe den Befehl nicht verstanden oder noch etwas aus seinen Handtasche mitnehmen wollen, und sei dann sofort erschossen worden. Vier Schüsse sind auf ihn abgegeben, die ich vorne im Zuge gut hörte. Bald danach begann der zweistündige Marsch.“

Der Dichter Hermann von Bötticher
vgl. http://www.ilelongue14-18.eu/?Der-d...
Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

Es ist vielleicht interessant, Johannes Jägers Bericht durch den zu ergänzen, den der ehemalige Ile-Longue-Internierte Hermann von Bötticher in seinem oben schon genannten Erinnerungsbuch „Meine Erlebnisse in Freiheit und Gefangenschaft“ gibt. Ganz wie Jäger ist auch von Bötticher Deutscher und Passagier der Nieuw Amsterdam. Er teilt also eine kurze Zeit das Schicksal Jägers. Aber, während der eine, Jäger, Pastor ist, zeigt sich der andere, von Bötticher, als Dichter und, noch dazu als einer, der dem Expressionismus angehört.

Das heißt, dass seine Werke von Subjektivismus und einer großen Freiheit im sprachlichen Ausdruck geprägt sind. Außerdem ist von Bötticher, der 1914 gerade einmal 27 Jahre alt ist (Jäger ist 64), in besserer körperlicher Verfassung und während dieses aufreibenden Marsches weniger mit seiner eigenen Lage beschäftigt, als es Jäger ist. So kann er beim Gehen eher die Umgebung wahrnehmen, die die Gefangenen auf ihrem Weg vom Anlegehafen Le Fret bis ins Fort von Crozon zurücklegen müssen und gibt dabei einige geographische Hinweise auf den Verlauf des Weges.

Der Fußmarsch von Le Fret zum Fort von Crozon
nach zwei verschiedenen Quellen:
Hermann von Bötticher und Johannes Jäger

Quelle 1: Hermann von Bötticher:

„Der Abend kommt; ein mattes süßes Dunkel. Wir stoßen an und klettern über feuchte Steine, die nach Algen riechen, an den Strand.

Der kleine grauweiße Fischerhafen ist von ruhenden Segelbooten gefüllt. Netze hängen überall, Fischer stehen müde in den Abend hin. Voll geheimer Sehnsucht grüßt ihr Leben uns. Von den goldgrünen Hängen lösen sich rot und blaue Gestalten. Abenddunkle Rufe klingen durch die Luft. Alle Dinge stehen auf einmal zueinander in tiefem geheimem Bezug. Gedrückt und lauschend sehen Gesichter aus dem Halbdunkel heraus; bretonische Frauen, Knaben und Mädchen kommen in klappernden Holzschuhen und glauben an Spuk. Bajonette blinken und von den Uniformen das Rot. In langem Zug schreiten wir an harten Gewehrkolben vorbei. Die Häuser treten immer tiefer in die Nacht zurück, durch ihre Fenster bricht gelbes Licht. Zwischen Hafen und Dorf geht die Straße hin. Vor einem niedern Gebäude, einem verlassenen Ziegenstall, stehen wir still. Seine Tür steht weit auf, zu beiden Seiten Posten mit blinkendem Gewehr, wir reichen durch sie hindurch unser Gepäck in schwarze Finsternis und schreiten wieder weiter in endlosem Zug. Hinter uns weigert sich eine Stimme; sie verhalt. Wir schreiten fort. Offiziere sitzen auf scheuem Pferd. Dann tönt in die wartende Stille ein Schuß. Frauenschreie erfüllen die Luft, es folgt ein zweiter und ein dritter Schuß: im Innern des Menschen steht etwas still. Nach außen spannt sich der Rumpf, krampft sich die Faust.

„Was ist, Korporal?“

„Man hat getötet, still!“

Die Landschaft schweigt. Das Dunkel atmet. Die Offiziere sprengen die Reihen entlang. Kommandos werden verteilt: wer aus der Reihe tritt, wird erschossen. Freund und Feind verstummt. Ein böser Geruch zieht durch die Luft; sie zittert; die Natur ist entzweit. Es ist gänzlich Nacht. Wir marschieren. Der Mond hat das Dunkel mit weißem Licht und tieferem Schatten gefüllt. Aus der Tiefe der Nacht steigen zusammengepreßte Baumgruppen und leben. In buschigen Tälern und Hügeln webt’s, die Landschaft blickt träumevoll in die Meeresbucht hin; wir entfernen uns in sie und kommen in sie zurück. Alles ist endlos. Die Straße fließt durch die Nacht wie ein mildstrahlender Fluß. Wenn sie steigt, seh‘ ich Gewehre und Bajonette im Mondlicht glänzen. Einer Vision gleich, zieht sich der Zug dunkler Gestalten über eine Hügelwelle und prägt sich ab gegen Himmel und Nacht. Nach einer Stunde durchschreiten wir ein Dorf. Nach abermals einer ein zweites. Ein achtzigjähriger Pfarrer [4] bricht zusammen und wird auf eine Karre gebracht; sein Sohn steht dabei und hilft ziehn, bis eine Wache ihn verdrängt. Dann erreichen wir ein hochgelegenes Feld. Es ist kahl. Ginsterbüsche und dünne Kiefernwäldchen stehen herum. Durch die blinkt silbern das Meer. Der Altlantische Ozean.“

Wahrscheinlicher Verlauf des Weges von Le Fret zum Fort von Crozon

Erlauben uns die spärlichen topographischen Angaben den Verlauf des Weges zu bezeichnen, der gewählt wurde, um diesen außergewöhnlichen Zug mehrerer Hundert Männer vom Schiffsanleger in Le Fret zum Fort von Crozon zu führen?

Der kürzeste Weg verläuft über den Damm des Teiches von Le Fret, und dann weiter über die Rue de Pen an Ero (heute D 55) und die Steigung in Richtung Lanvéoc. Auf dem Gipfel des Hügels gehen sie weiter in Richtung Crozon, auf der Straße (heute D 155), die in das Dorf St.-Jean-de-Leïdez hinunter führt. Diesen Verlauf scheint von Bötticher zu bestätigen, wenn er schreibt: „nach einer Stunde“, also ungefähr auf der Hälfte des Weges, „durchqueren wir ein Dorf“. Bei der einzigen Häusergruppe zwischen Le Fret und Crozon, die wegen einer Kapelle als „Dorf“ zu identifizieren ist, handelt es sich um St.-Jean-de-Leïdez.

Tatsächlich stand in diesem Weiler, und zwar direkt an der Straße, zurzeit der hier berichteten Vorgänge eine kleine Kapelle. Am 8. September 1944 von einer Bombe getroffen und teilweise zerstört, wurde sie durch einen Beschluss des Gemeinderates von Crozon im Jahre 1956 vollständig abgerissen.

Die Kapelle Saint-Jean-Leïdez
vor ihrer Zerstörung
Quelle: Sammlung Didier Cadiou

Von Bötticher fährt fort: „Nach einer weiteren Stunde, ein anderes [Dorf].“ Dieses „andere“ Dorf kann nur Crozon sein. Dass der Zug der Männer eine ganze Stunde für den relativ kurzen Weg von St.-Jean-de-Leïdez nach Crozon gebraucht hat, ist angesichts der langen Steigung nach Überquerung des Kerloc’h-Bachs durchaus glaubhaft.

Quelle 2: Johannes Jäger

Und hier nun der Fußmarsch, wie ihn Pastor Jäger erlebt hat (Meine Amerika-Reise, S. 16).

„Meine Seitenmänner bemerkten gleich, dass ich nicht gut marschieren konnte;, wenigstens nicht den zweistündigen Marsch aushalten würde. Sie meldeten es dem französischen Hauptmann. Der wies aber die Meldung kurzer Hand ab und sagte nur: Wir haben keinen Wagen, wenn der betreffende Herr nicht gut gehen kann, dann mögen die andern Herren ihn unterstützen. Das haben denn die beiden Herren an meiner Seite rechts und links auch getreu getan. Sie waren Ärzte. Bald boten sie mir ihren Arm, bald ihre Schulter zur Unterstützung an. Sie haben getan, was sie konnten. Und ich wollte auch alle meine Kräfte anwenden, um mitzukommen. Aber als wir etwa noch 20 Minuten von der Festung Crasson entfernt waren, sank ich kraftlos und bewusstlos hin. Bewusstlos habe ich dann da am Wege gelegen. Man erzählte mir nachher, dass, als ich bewusstlos am Wege gelegen hätte, französische Zivilisten aus den Dörfern gekommen seien mit Steinen und Knüppeln, um mich zu töten. Auch die französischen Soldaten seien roh mit mir umgegangen und hätten mich mit den Gewehrkolben gestoßen und geschlagen. Das muss wahr gewesen sein, denn mehrere Tage nachher habe ich, besonders an meiner Stirn und am Kopfe ein wundes, schmerzliches Gefühl gehabt. Als ich auf dem Wege bewusstlos dalag, hat mein Sohn, der etwa 100 Meter hinter mir im Zuge war und mich so an der Erde liegen sah, den Officier gebeten, zu mir kommen zu dürfen; es ist ihm aber nicht erlaubt wurden. Es müssen französische Soldaten zurückgelassen oder zurückgeschickt worden sein, mich zu bewachen und mich auf einem Handkarren, den man im nächsten Dorfe, geliehen, zu holen. Von dem allen, dass ich da im Wege gelegen, dass ich bin auf einen Karren, auf einen Hundekarren geladen, und was sonst mit mir vorgegangen und gemacht worden ist, weiß ich selbst nichts. Ich bin ganz bewusstlos gewesen. Erst als ich kurz vor der Festung war, merkte ich, dass ich auf einem Karren lag, dass mehrere Personen mich an die Hände und Arme fassten, und mich vom Wagen herunter ziehen wollten, und dass andere den Wagen von hinten drückten, um mit mir vorwärts zu kommen. Ich kann mir dieses von hinten nach nicht anders erklären, als dass Leute aus dem Dorfe mich vom Wagen herunter ziehen und mich töten wollten, und dass die Soldaten die den Befehl hatten, mich auf einem Karren zu holen, ihrer Pflicht gemäß den Wagen vorwärts drückten und sich beeilten mit mir mich vorne zu kommen. So kamen wir des Abends spät, etwa 10 Uhr auf der Festung an.“

Die Nacht im Fort von Crozon

Fort von Crozon
Photo : E. Brissy, 9. März 1916
Quelle : Ministère de la culture, Médiathèque de l’Architecture et du Patrimoine. Diffusion RMN Grand Palais, D 0001669
Fort von Crozon, Innenhof
Quelle : Ministère de la culture, Médiathèque de l’Architecture et du Patrimoine. Diffusion RMN Grand Palais, D 0001668

Fortsetzung des Berichts von Pastor Jäger.

„Vor dem Gefängnis angekommen, hat man mich vom Karren genommen und auf einen hölzernen Schemel gesetzt. Dreißig bis vierzig Soldaten mit geladenem Gewehr umstanden mich, und es war mir, als ob sie mich erschießen sollten, sobald die andern Deutschen angekommen seien. Denn obschon ich zurückgeblieben war, hatte die Truppe mich auf dem Karren vorbei fahren lassen, sodass ich eher ankam als die marschierende Truppe. Im Kreise der Officiere beriet man sich nun, ob man mich erschießen oder leben lassen solle. In diese Augenblicke betete ich unwillkürlich laut zu Gott. Es entstand ein Hohngelächter. Von jetzt an betete ich leise. Als nun die Truppe der Deutschen herankam, war die Beratung der Officiere zu Ende; man war übereingekommen, mich leben zu lassen. Man schickte sich jetzt an, sich um meinem Zustand zu bekümmern. Man holte mir ein Glas Wasser, ließ mich etwas trinken, verband mein Haupt, legte einen Verband um meine Stirn, holte mir eine Matratze, damit ich mich darauf legen solle. Ich tat’s, indem man mir dabei half; denn ich konnte es ohne Hülfe nicht. In dem Augenblicke, als ich da auf der Matratze lag und noch nicht ins Gefängnis gebracht war, war auch der hintere Teil des Zuges der Deutschen angekommen, sodass auch mein Sohn mich da liegen sah. Er bat zu mir kommen zu dürfen, da ich sein Vater sei. Jetzt wurde es ihm erlaubt. Unser beider Herzen waren zu Tränen gerührt, als wir uns wieder sahen. Wir küssten uns. Und von diesem Augenblick, an durfte mein Sohn bei mir bleiben. Es war, als, ob man jetzt erkannte, dass wir keine gefährliche Menschen seien. Nun wurde ich auf der Matratze zwei Treppen hoch in das Gefängnis gebracht, in ein dunkles Gemach. Es war eigentlich ein Kerker; denn Fenster hatte dieses Gemach nicht. Sollte Licht und Luft in dasselbe kommen, dann musste es schon durch die Tür kommen, wenn sie sich gelegentlich mal öffnete. Es war ein Gemach, in welches man sonst vielleicht schwere Verbrecher einschloss…

Bald darnach kann auch der Militärarzt von gestern abend wieder und untersuchte mich. Er konstatierte, dass ich noch sehr schwach sei. Dann sagte er, ob es mir recht wäre, wenn er dem Kommandanten vorschlüge, dass ich ins Hospital in der Stadt Brest käme? Dann wäre ich von der militärischen Bewachung frei, könnte mich auch frei in der Stadt bewegen, nur stünde ich dann noch unter polizeilicher Aufsicht? (Beide, sowohl der Arzt, als auch der Hauptmann waren mir gegenüber sehr freundlich). Ich antwortete dem Arzt, dass ich ihm für diesen Vorschlag sehr danke und mir sein Vorschlag auch schon lieber sei, als hier im Gefängnis zu sitzen; aber ich sei doch schon 64 Jahre alt und mein Sohn erst 16 Jahre, wir hätten demnach doch beide nichts mit dem Militär zu tun. Ob er nicht dem Kommandanten vorschlagen wolle, dass wir beide nach Hause gehen dürften? Dabei zeigte ich ihm meinen Reisepass. Als er den sah und las, sprach er verwundert mit französischem Dialekt: Pastor? Pastor? Weshalb sind Sie denn gefangen? fragte er. Ich antwortete: Allein deshalb, weil wir Deutsche sind. Er sagte dann nichts mehr, nahm freundlich von mir Abschied. Aber das konnte ich merken, dass meine Bitte bei ihm in gute, Erde gefallen war.

Am Nachmittage desselben Tages kam ein höherer Officier, ein General, nach dem Fort, dem hat dann der Arzt meine Sache und meine Bitte, nach Hause gehen zu dürfen, vorgetragen. Meine Bitte ist da angenommen worden. Denn wir sahen den Arzt beim General stehen und gleich darauf wurde unsere Sache geregelt. Das war die Wendestunde in unserm Gefängnis. Gott sei Dank! …

Das Schiff Nieuw Amsterdam lag noch immer im Hafen vor Brest, weil man noch nicht damit fertig war, es zu entladen: Getreide, Mehl, Kohlen auszuladen und nach Brest zu bringen. Als es dann hieß, dass die Officiere und Ärzte sich fertig machen sollten zum 2 stündigen Marsch wiederum an die Küste, von der wir tags vorher gekommen, meldete ich mich als marschunfähig. Man antwortete mir freundlich und sagte mir, dass man für mich, meinen Sohn und die vier alten Leute ein Auto bestellt habe. …

Als ich aus dem Gefängnis entlassen wurde, das holländische Schiff Nieuw Amsterdam wieder betreten und nach Hause reisen durfte, da war mir ähnlich zu Mute, wie es in Psalm 126, 1. 2 von den Erlösten des Herrn heißt: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein."

So hat Gott alles wohl gemacht. Erstens hat er meinen Glauben geprüft und mich nicht beschämt worden lassen, und zweitens hat meine Gefangenschaft auch den andern Alten und meinem Sohne zum Nutzen dienen müssen. Gott führt wohl in die Tiefe, aber auch wieder heraus. Er führt aber nicht in die Tiefe, weil es seine Lust ist, in die Not zu führen, auch nicht, weil er nicht helfen kann, sondern weil er dadurch noch mehr seinen Namen verherrlichen will. Darum rühme ich die Gnade und Macht des Herrn allein, und sage mit Psalm 68, 20, 21: Gelobet sei der Herr täglich; Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch. Wir haben einen Gott, der da hilft und den Herrn, Herrn, der vom Tode errettet!

Zurück in Deutschland, arbeitet Johannes Jäger weiter als Theologieprofessor und Pastor in Emden. In zwei Predigten, die er im Dezember 1914, also kurze Zeit nach seiner Heimkehr, veröffentlicht, scheinen die Erlebnisse der Gefangenschaft, auch wenn er sie nicht direkt erwähnt, eine große Rolle zu spielen.

Predigt Pastor Jägers
Die Wiederkunft Christi
Matt. 24, 27, 28
Quelle: Altreformierte Kirche Emden
Predigt Pastor Jägers
Eine Predigt in Kriegszeit
Jérémie 29, 11 – 14
Quelle: Altreformierte Kirche Emden


So verfolgt er in seiner Predigt Die Wiederkunft Christi unermüdlich das Ziel, seinen Lesern das unerschütterliche Gottvertrauen, das ihm selbst eigen ist, zu vermitteln. In dieser Absicht kommt er mehrere Male auf den 23. Psalm zu sprechen, diese Verheißung des irdischen Glücks, die, oft genug von den Erfahrungen des Lebens widerlegt, allein nur schwerlich überzeugen kann. Verkündet jedoch durch einen Mann vom Schlage Pastor Jägers, der gerade selbst die leidvolle Erfahrung einer Wanderung im finstern Tal hinter sich hat, bevor er auf die rechte Straße zurückgeführt wurde, hat der 23. Psalm gute Chancen von der Wahrhaftigkeit seiner Verheißungen zu überzeugen:

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße
um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

Pastor Johannes Jäger arbeitet bis zum 1. November 1923 als Pastor und Theologieprofessor, bevor er mit 73 Jahren in den Ruhestand tritt. Er verstirbt am 16. 09. 1925 in Emden [5].

Bibliographie

  • G. J. Beuker, Gemeinde unter dem Kreuz, Altreformierte in Emden, 1856 – 2006
  • CV Johannes Jäger, in G. J. Beuker: Umkehr und Erneuerung, 1988, p. 432 – 437
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